Prof. dr. B. van den Berg – wie soll ich Sie / dich ansprechen?

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Es war einmal ein deutscher Student, der unbedingt in die Niederlande wollte, um dort zu studieren. Nur für eine kurze Zeit. Mit Erasmus oder so. Zugegeben: so ein kühner Traum war es bei Weitem nicht – im Europa des 21. Jahrhunderts kann man sich ja um die verschiedensten Stipendien und Austauschprogramme bewerben. Kein Wunder, dass es auch unter den deutschen Studenten Zehntausende gibt, die den Schritt über die Grenze wagen und heutzutage eine niederländische Hochschule oder Universität besuchen.

Als Student in den Niederlanden

Unser Protagonist – nennen wir ihn Peter – hat also auch seinen Koffer eingepackt und sich auf den Weg gemacht, um sein Glück in „Het lakse paradijs van vrije drugs, seks en euthanasie”[1] zu versuchen. Und obwohl er ziemlich gut vorbereitet war (von culture shock war also keine Rede), ist er auf ein paar Dinge gestoßen, die ihm komisch vorkamen. Zum Beispiel: Die Professoren. Besser gesagt – wie er sie ansprechen sollte. Bert Kloekhorst. Johanneke Jansen. Gerard Praamstra. – stand auf den Webseiten des Studiums und in den E-Mails, die er bereits am Anfang von den Menschen hinter diesen Namen bekommen hat. „Warum hab‘ ich soein Mangelgefühl?“ – stellte Peter sich die Frage. Später wurde es klar: Niederländer bestehen anscheinend nicht so hartnäckig auf ihre akademischen Titel wie Deutsche.

Deutsche und ihre Titel

So hat es begonnen. Peter musste einsehen, dass es außer der Currywurst, dem Nationalelf, dem geschmacklosen Gartenzwerg und der Ordnungsliebe noch etwas gibt, was als (stereo-)“typisch deutsch“ gilt: den akademischen Titel. Titel auf der Visitenkarte und im Reisepass. Auf dem Personalausweis und am Klingelschild. Titel in jeder Menge. Und überall, sodass sie nicht übersehen werden können. Na ja: Promovieren steht in Deutschland nicht so sehr im Zeichen der Wissenschaft und der Forschung – der akademische Grad trägt eher zur persönlichen Aufwertung, zum Ausdruck von Machtposition, und zum beruflichen und gesellschaftlichen Status bei.

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Niederländer und ihre Titel

Die Anrede Herr oder Frau + Nachnamereicht den Deutschen nicht: „Nicht ohne meinen Doktortitel“ – heißt es also im Land der Dichter und Denker, während es in den Niederlanden ganz anders aussieht. Bei den westlichen Nachbarn ist es nicht üblich, mit den Titeln zu „prahlen“, da gehört es nicht so untrennbar zum Namen (oder schlechthin zur Identität der Person) wie in Deutschland. Was natürlich nicht bedeutet, dass man darauf nicht stolz ist, oder dass der Grad da minderwertig wäre. Denn auch an der niederländischen Uni stehen die Titel vor den Namen am Namenschild der Professoren, damit die Uni zeigen möchte, dass sie was Professoren betrifft eine Menge auf dem Kasten haben.  Leider wissen dann die Studenten nicht, welche Titel ihre Professoren alle haben, denn sie werden außer am Namensschild eigentlich nicht verwendet

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Wie soll ich Sie / dich ansprechen?

Der (Nicht)gebrauch akademischer Titel in den Niederlanden wirft natürlich auch andere Fragen auf. Zum Beispiel: „Okay, offensichtlich beharren sie nicht auf das ‚Professor‘ und so, wenn sie uns ʽne E-Mail schicken… Das ist eine Sache. Aber wie soll ICH sie ansprechen, wenn ich was während der Stunde zu sagen hab? Wahrscheinlich sind sie selbst aus Höflichkeit keine Angeber, aber vielleicht erwarten sie doch noch, dass man ihnen gegenüber auf irgendeine Weise Respekt zeigt.“ Die Frage von Peter ist ohne Weiteres berechtigt. Die Antwort jedoch: auch bei der mündlichen Setting im Vorlesungssaal verwendet man kein „Herr Doktor…“. Niederländer würden diese Formel sowieso zu umständlich (und daher auch unnötig) finden. „Doe maar gewoon“ – heißt ihr Motto. Was auch bedeutet: Ohne überflüssige Schnörkel und Umwege. In der Kürze liegt die Würze. Und was diese „Kürze“ in diesem Fall bedeutet: kein Herr oder Frau, sondern der Vorname reicht und oft wird geduzt. Im Allgemeinen.

Was noch dazu gehört

Warum ich so schnell „im Allgemeinen“ hinzugefügt habe, hat auch einen Grund. Wie es auch bei anderen Sprachen der Fall ist, ist das Anredesystem auch im Niederländischen ziemlich komplex, und es hängt von vielen Faktoren ab. Wie kann ich die Situation beschreiben, in der ich mich befinde? Was ist der Zweck der Kommunikation? Würde ich nur einen lockeren Diskurs über das Wetter in der Pause führen? Oder mich nach etwas in einer E-Mail / telefonisch erkundigen? Vielleicht eine sehr kurze Frage im Seminar stellen? Wie alt ist der Partner (der Professor zum Beispiel), mit dem ich ein Gespräch führen möchte? Wie groß ist die Distanz zwischen uns? Und wie formell ist die Situation? Diese Aspekte darf man nicht außer Acht lassen, wenn es um Gebrauch oder Nichtgebrauch von Titeln geht. Trotzdem: in der Regel ist es tatsächlich so, dass Niederländer ihre akademischen Grade weniger benutzen als Deutsche.

… und ein paar Tipps

Was für ein Rat solltest du also beherzigen, wenn du in derselben Lage bist als Peter, und als ausländischer Student in eine Situation gerätst, in der du deinen Professor anreden solltest. Erstens: sei vorbereitet! Wenn du über die Unterschiede im Titelgebrauch zwischen den zwei Ländern im Klaren bist, kann es nicht so schnell zu unerwarteten Überraschungen kommen. Geh mit offenen Augen (und Ohren) durch dieses Land von Windmühlen und Kanälen, und achte darauf, wie Niederländer mit ihren Titeln umgehen! Was steht nach „Mit freundlichen Grüßen“, wenn man eine E-Mail bekommt? Was für einen Namen kann man vom Täfelchen ablesen, dass an der Wand neben dem Büro des Professors zu finden ist? Oder eben vom Papier mit den Sprechstunden? Wie werden die Zettel mit der Überschrift „Wegen Krankheit entfällt die Stunde“ an der Tür unterschrieben? Was schreiben die Professoren in der Ecke ihres Handouts und am Anfang ihrer Folien? Und wie sprechen deine Kommilitonen den Professor an (und wie reagiert er darauf?)? Aus diesen winzigen Zeichen kannst du bereits am Anfang viel lernen, und wenn es in einer E-Mail oder der Stunde dazu kommt, dass du den Professor ansprechen musst, brauchst du dir darüber nicht mehr lange Gedanken zu machen. Wärest du trotzdem unsicher, dann kannst du den Professor am besten siezen und den Professor einfach mit meneer ansprechen – es kann ja nicht zu Problemen führen, wenn du zu höflich bist. Aber einen Titel brauchst du keinesfalls zu verwenden!  Auch nicht in E-Mails. Dann reicht es, falls du die Person nicht kennst, geachte heer/ mevrouw + Nachname zu benutzen. Wenn du die Person schon kennst,  verwendest du schlichtweg Beste + Vorname.

[1] Birschel, A. (2009): Waar zijn de bitterballen? Amsterdam: Bert Bakker.

Autoren: Tessel Arendsen und Dániel Tóth

Fotos gemacht von: Tessel Arendsen

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